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Das Land gehört der Mehrheit

Was Harry Belafonte uns über die Gegenwart erklärt –
und warum vier alte Lieder heute aktueller sind denn je

Harry Belafonte war kein Sänger, der auch ein bisschen Politik machte. Er war ein politischer Mensch, der auch sang – und der dabei eine Überzeugung niemals aufgab: dass die Mehrheit der Menschen das Recht hat zu bestimmen, wie sie leben will. Nicht teilzuhaben. Zu bestimmen. Diese Überzeugung hat ihn durch ein Jahrhundert geführt, das die Welt mehrfach auf den Kopf gestellt hat. Und sie ist heute, Jahrzehnte nach seinen großen Liedern, dringlicher als je zuvor.
Belafonte wurde 1927 in Harlem geboren, als Sohn jamaikanisch-karibischer Einwanderer. Er kannte Armut und Ausgrenzung aus eigener Erfahrung. Er stand auf der Bühne und war gleichzeitig derjenige, der Martin Luther King finanzierte, der die Bürgerrechtsbewegung mit Geld und Netzwerk stabilisierte, der mit Nelson Mandela arbeitete, der die Anti-Apartheid-Bewegung international sichtbar machte. Das FBI führte ihn jahrzehntelang als Gefahr – weil er für Gleichheit, Frieden und die Würde der einfachen Menschen eintrat. In den USA der 1950er Jahre genügte das, um als Kommunist zu gelten.
Er war es nicht, im Sinne einer Parteikarte. Aber er war es vollständig in dem Sinne, der den Begriff historisch ausmacht: Er glaubte, dass das Land, die Ressourcen, die Früchte der Arbeit der Mehrheit der Menschen gehören – und nicht einer kleinen Minderheit, die entscheidet, wann die anderen teilhaben dürfen.
Diese Haltung hat eine eigentümliche Aktualität bekommen. Denn wir leben gerade in einem Moment, in dem die politische Mitte – jene Kräfte, die jahrzehntelang behaupteten, sowohl sozial als auch wirtschaftlich vernünftig zu sein – an Glaubwürdigkeit verliert. Sie hat die moralische Sprache der Linken übernommen: Gerechtigkeit, Würde, Solidarität. Aber sie hat diese Begriffe entleert. Gerechtigkeit ohne Umverteilung. Würde ohne materielle Sicherheit. Solidarität ohne Konsequenz. Im Gegenteil, sie hat die Agenda einer wirtschaftlichen Elite umgesetzt, eben keine demokratische Agenda.
Gleichzeitig drängt eine politische Rechte nach vorn, die selbst Elitenkritik betreibt – aber nicht gegen das Kapital, nicht gegen Vermögenskonzentration, nicht gegen die Prekarisierung der Arbeit. Sondern gegen kulturelle Eliten, gegen Akademiker, gegen alles, was ihr nicht passt. Das ist kein Klassenkampf. Das ist ein Kampf innerhalb des Bürgertums um die Vorherrschaft.
Und die Mehrheit der Menschen? Die schaut zu. Oder dreht sich weg. 
Belafonte hätte das nicht als Naturgesetz akzeptiert. Er hätte Lieder gesungen – Lieder, die er kannte, die er interpretiert hat, die aus verschiedenen Kämpfen verschiedener Generationen stammen. Und jedes dieser Lieder stellt heute eine Frage, die wir beantworten müssen.

Erinnerung I
 
John Henry
 
Das Arbeiterlied über den Mann, der gegen die Dampfmaschine antrat.
Heute: Wer kontrolliert die künstliche Intelligenz – und für wen?

John Henry ist das Lied eines Mannes, der nicht gegen die Maschine kämpft, weil er sie hasst. Er kämpft, weil er weiß: Wenn die Maschine nicht im Dienst der Menschen steht, steht sie gegen sie. Das ist keine romantische Technikfeindlichkeit. Das ist eine Machtfrage.
Künstliche Intelligenz verdrängt gerade in einem Tempo, das kaum jemand überblickt, Berufe, die die politische Mitte jahrzehntelang als Zukunftsberufe verkauft hat. Texterinnen, Berater, Lehrer, Sachbearbeiter, Coaches. Nicht zuerst die Fabrikarbeiter, sondern die Mittelschicht, die immer glaubte, Bildung schütze sie. Die Disruption trifft jetzt jene, die das System für sich arbeiten sahen.
Die Frage ist nicht, ob KI gut oder schlecht ist. Die Frage ist: Wem nützt sie? Wer profitiert von der Produktivitätssteigerung? Wer trägt die Kosten der Verdrängung? Wenn die Antwort auf beides dieselbe kleine Gruppe von Kapitaleignern ist – dann ist die Maschine nicht neutral. Dann ist sie eine Machtverschiebung. John Henry hat das begriffen. Wir sollten es auch.

„Wir kämpfen nicht gegen die Maschine. Wir kämpfen darum, wem sie dient."
— Der Kern des Liedes, heute neu gelesen

 

 
Erinnerung II
 
This Land Is Your Land
 
Woody Guthries Hymne der einfachen Menschen – von Belafonte zur globalen Botschaft gemacht.
Heute: Volksherrschaft ist nicht dasselbe wie Teilnahme am Diskurs.

Dieses Lied ist kein Patriotismus-Lied. Es ist ein Demokratie-Lied. Es sagt nicht: Sei stolz auf dein Land. Es sagt: Das Land gehört dir. Dir und mir. Nicht den Eigentümern, nicht den Thinktanks, nicht den Wirtschaftsforen, nicht den Beraterstäben der Mächtigen.
Woody Guthrie schrieb dieses Lied 1940 als direkte Antwort auf Irving Berlins "God Bless America" — das ihm zu fromm, zu abstrakt, zu weit weg vom einfachen Menschen war. Sein erster Titel: "God Blessed America for Me". Gott hat Amerika gesegnet — aber für wen? For me. Für den Wanderarbeiter, den Mittellosen, den, der nichts hatte außer sich selbst. Noch individuell. Noch Notwehr.
Dann strich er den Titel. Und schrieb: "This Land Is Your Land."
Aus "for me" wurde "for you and me". Aus dem trotzigen Einzelnen wurde die Mehrheit. Aus Überleben wurde Anspruch. Aus Notwehr wurde Politik.
Guthrie hat in einem Titel denselben Weg beschrieben, den wir heute wieder gehen müssen.
Demokratie bedeutet in seiner ursprünglichen, unverwässerten Form: Die Mehrheit bestimmt. Nicht: Die Mehrheit darf teilhaben. Nicht: Die Mehrheit darf mitreden, wenn die richtigen Leute zuhören. Sondern: Die Mehrheit entscheidet.
Was wir stattdessen erleben, ist eine technokratische Verdrehung dieses Prinzips. Die politische Mitte erklärt ihre Entscheidungen für alternativlos – und meint damit: Wir haben die Expertise, wir tragen die Verantwortung, wir ziehen den Kurs durch. Was die Bevölkerung zu Hause denkt, fühlt, fordert, ist bestenfalls Rückmeldung. Schlimmstenfalls ist es Populismus.
Das ist keine Demokratie. Das ist liberale Technokratie mit demokratischer Verpackung. Und sie verliert gerade ihre Verpackung.
Die Linke hat dieses Spiel lange mitgespielt, weil sie dachte: Wenn die Mitte wenigstens moralisch human klingt, ist das besser als gar nichts. Dieser Punkt ist vorbei. Eine Moral, die keinen materiellen Unterschied im Leben der Menschen macht, ist keine Moral. Sie ist Dekoration.

Erinnerung III
 
We Shall Overcome
 
Das Lied der Bürgerrechtsbewegung – gesungen in den schlimmsten Momenten.
Heute: Wenn die Mehrheit Subjekt wird, ändert sich alles. Nur dann.

We Shall Overcome ist kein Trostlied. Es ist ein Versprechen – aber eines, das an eine Bedingung geknüpft ist. Wir werden siegen. Aber nur, wenn wir zusammenstehen. Nur, wenn die Mehrheit sich selbst als handelndes Subjekt begreift und nicht als Objekt politischer Entscheidungen anderer.
Die politische Rechte gewinnt heute dort Raum, wo die Linke diesen Raum nicht besetzt. Die Rechte betreibt Elitenkritik – weil Elitenkritik historisch immer die stärkste Waffe der politisch Benachteiligten war. Erfunden wurde sie nicht von rechts. Sie kommt aus der Arbeiterbewegung, aus der Bürgerrechtsbewegung, aus der internationalen Linken. Die Rechte hat sich ein Werkzeug geborgt, das ihr eigentlich nicht gehört. Und sie kann es nur benutzen, weil die Linke es liegen gelassen hat.
Wenn die Linke nicht wieder zum politischen Subjekt wird – wenn sie nicht wieder diejenige ist, die die Konflikte der Mehrheit benennt, die Forderungen formuliert, die Machtfragen stellt – dann wird die Rechte die geschwächte Mitte zerschlagen. Und die Linke wird außerparlamentarisch sein, auf der Straße, moralisch stark und politisch machtlos.
Das wäre das Ende von We Shall Overcome als politisches Versprechen. Belafonte hat dieses Lied nicht als Erinnerung gesungen. Er hat es als Auftrag gesungen.

 
Erinnerung IV
 
El Pueblo Unido
 
Der Zusammenschluss der Mehrheit – aus dem chilenischen Widerstand, von Belafontes Generation weitergegeben.
Heute: Aus Mehrheit wird erst dann Macht, wenn sie sich organisiert.

 

El pueblo unido jamás será vencido. Das geeinte Volk ist niemals zu besiegen. Das ist war ursprünglich die Hymne gegen Pinochet, aufgenommen von Quilapayún, es ist eine politische Gleichung. Sie sagt: Mehrheit allein genügt nicht.
Mehrheit plus Organisation ergibt Macht. Und nur Macht verändert Verhältnisse.
Belafonte sang es nicht. Er lebte es — in Havanna, in den Solidaritätsnetzwerken gegen Pinochet, in jedem Bündnis mit den Bewegungen Lateinamerikas, die dasselbe wollten wie er: dass die Mehrheit bestimmt.
Die politische Mitte erodiert gerade gleichzeitig an drei Stellen: Sie verliert ihre soziale Basis, weil ihre eigene Mittelschicht prekarisiert wird. Sie verliert ihre Deutungshoheit, weil ihre Versprechen sich nicht eingelöst haben. Und sie verliert ihre moralische Legitimation, weil immer mehr Menschen spüren, dass hinter der Sprache von Gerechtigkeit und Würde keine entsprechende Politik steht.
Das ist ein historisches Fenster. Solche Fenster schließen sich schnell – meist, weil entweder die Rechte sie füllt oder weil das Vakuum einfach Apathie hinterlässt. Die Linke muss in diesem Moment populär werden. Nicht im Sinne von gefällig oder angepasst. Sondern im ursprünglichen Sinn: Sie muss die Sprache der Mehrheit sprechen, die Probleme der Mehrheit benennen, die Interessen der Mehrheit organisieren.
Das ist keine neue Idee. Das ist das, was Belafonte sein ganzes Leben lang getan hat. Er war kein Politiker. Er war kein Parteifunktionär. Er war jemand, der mit seiner Kunst und seiner Haltung dafür sorgte, dass die Mehrheit sich selbst erkannte – als handelndes Subjekt, nicht als Zuschauer.

 
„Am Ende wurde Belafonte von Obama hofiert – nicht umgekehrt. Weil moralische Autorität größer ist als politische Macht, wenn sie wirklich verdient ist."
— Über die Hierarchie von Überzeugung und Amt

Belafontes Leben umspannte fast ein Jahrhundert. Er hat die Great Depression erlebt, den McCarthyismus, die Bürgerrechtsbewegung, Vietnam, Apartheid, Reaganismus, Irakkrieg, Finanzkrise, Trump. In jedem dieser Momente war seine Antwort dieselbe: Die Mehrheit hat ein Recht auf ihr Land, auf ihre Würde, auf ihre Entscheidung. Nicht als Gnade. Als Grundlage.
Wir stehen heute an einem Punkt, an dem diese Antwort wieder gebraucht wird. Die Maschine muss uns gehören. Das Land muss der Mehrheit gehören. Wir werden siegen – aber nur, wenn wir Subjekt werden. Und das geeinte Volk ist niemals zu besiegen.
Harry Belafonte hat das alles schon gesungen. Wir verstehen die aktuelle Situation und verstehen, es geht aktuell um eine Neuausrichtung. Die Mehrheit wird diese nur mit Aktivität und Organisation bestimmen.
Jochen Geis

 

Woody Guthry This Land is Your Land
https://www.youtube.com/watch?v=wxiMrvDbq3s&list=RDwxiMrvDbq3s&start_rad...
Belafonte 1983 in der DDR  we shall overcome 
https://www.youtube.com/watch?v=6EgGGhJKCV8&list=RD6EgGGhJKCV8&start_rad...
El pueblo unido
https://www.youtube.com/watch?v=kTLrFjYt8tA&list=RDkTLrFjYt8tA&start_rad...
John Henry Song / Belafonte
https://www.youtube.com/watch?v=ydTRk1l0ZqI&list=RDydTRk1l0ZqI&start_rad...
Pete Seger If I had a hammer (im Alter von 94 Jahren)
https://www.youtube.com/watch?v=TWUSM_KJF_E&list=RDTWUSM_KJF_E&start_rad...
 

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